Evolutionsbremse

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Mir kam der Gedanke neulich in einem Workshop zum Thema Change-Management. Das Bild hat sich mir geradezu aufgedrängt:

Frühmenschen in der Savanne. Eine überschaubare Sippe. Es ist warm, ein leichter Wind weht und bewegt das hohe Gras in Wellen vor sich her. Die Frühmenschen haben Glück (auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind), denn ihre Vorfahren haben von den Bäumen zwei wichtige Eigenschaften mit heruntergebracht. Zum Einen die Fähigkeit, Regelmäßigkeiten zu erkennen, und zum Anderen die hohe Sensibilität für Störungen dieser Regelmäßigkeiten. Das ist gut, denn der Säbelzahntiger stört die gleichmäßige Bewegung der Gräser im Wind. So verrät er sich und kann von den Frühmenschen zumindest theoretisch rechtzeitig entdeckt werden.

Smilodon Charles Robert Knight American Museum of Natural History. Smilodon (Katzen-Content)

Es gibt da jedoch ein Problem. Die Frühmenschen sind sehr beschäftigt. Vor allem mit sich selbst. Ihr oberstes Ziel, nämlich zu überleben, haben sie aus den Augen verloren. Genau wie den Säbelzahntiger. Stattdessen widmen sie sich einer Vielzahl von kleineren und größeren Aufgaben, von denen manche mehr und andere weniger wichtig sind. Sie jagen, hüten die Kinder, sammeln Holz, bewachen das Feuer, sammeln Steine, bearbeiten diese zu Faustkeilen und stellen damit Kleidung und Deko her aus der Verpackung ihrer letzten Mahlzeit. Durch diese Ablenkungen kommt es, dass sich der Säbelzahntiger jeden Tag einen von ihnen holen kann.

Natürlich bleibt das nicht unbemerkt. Die Schreie sind kaum zu überhören. Auch einem außenstehenden Beobachter, aus einem benachbarten Tal, der gerade auf der Durchreise ist, fällt es auf. Er sieht und staunt, wie der Rest der Gruppe jedes Mal gleich wieder zum Tagesgeschäft übergeht, kurz nachdem die Schreie verstummt sind.

Was ich nun in diesem Workshop gelernt habe ist, dass es hier nichts bringt, nach dem Warum zu fragen. Warum passt denn niemand auf und warnt die anderen rechtzeitig?, liegt einem auf der Zunge. Vor allem außenstehende, unbeteiligte Beobachter dürften sich am Kopf kratzen: Es müsste doch nur einer die Verantwortung übernehmen. Warum macht das keiner?

Die Frühmenschen sind um Antworten nicht verlegen: Das haben wir noch nie so gemacht. Das haben wir schon immer so gemacht. Dafür hat doch keiner Zeit. Der Säbelzahntiger schlägt ja auch nicht jeden Tag zu. Wir haben nicht genug Personal und müssten dann wichtige Kompetenz an anderen relevanten Stellen abziehen. — Jeder einzelne würde auf die Warum-Frage solche oder ähnliche, rückwirkend rationalisierte Rechtfertigungen offenbaren.

Die bessere Frage soll also lauten: Wofür ist das gut? Das heißt, welches andere Problem löst dieses Verhalten? Wem nutzt es, wenn niemand die Verantwortung übernimmt, den Säbelzahntiger im Auge zu behalten?

Die Antwort darauf drängt sich gewissermaßen auf, auch wenn vermutlich keiner der Frühmenschen das so zugeben würde: Es will einfach niemand die Verantwortung übernehmen, weil niemand Schuld sein will, wenn etwas passiert! Also verteilt man die Verantwortung auf alle. Jeder soll ein bisschen aufpassen. Insgeheim wissen wahrscheinlich alle Beteiligten, dass am Ende niemand aufpasst. Aber wenn dann etwas passiert, kann eben niemand allein zur Rechenschaft gezogen werden. Schuld ist dann im Zweifelsfall nur derjenige, den es erwischt hat. Selbst schuld, quasi.

Solange die Frühmenschen von der Grundannahme ausgehen, dass Verantwortung zu übernehmen gleichbedeutend damit ist, Schuld zu sein, wenn etwas passiert, wird sich dieses Verhalten nicht ändern.

Gut für den Säbelzahntiger. Schlecht für die Frühmenschen, die dann von der Evolution überholt werden.

Ich liebe Workshops.

(Titelbild: Bison in der Höhle von Altamira, Wikimedia)