Das Problem im Herausforderungspelz

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Es war wohl eine der ersten Lektionen, die ich nach dem Studium in der freien Wirtschaft lernen musste: Das Problem ist irrelevant, es zählt nur die Lösung. — Nur in den Universitäten könne man sich den Luxus leisten, sich mit Problemen beschäftigen, hieß es. Im »echten Leben« arbeite man ausschließlich lösungsorientiert.

Aha.

Offenbar geht dieses Denkmuster zuweilen sogar so weit, dass man auch gar nicht erst von Problemen spricht: »Es gibt keine Probleme, nur Herausforderungen!« Klingt toll. So dynamisch und voller Sportsgeist. Passt auch 1-A zur Team-Metapher. Als Herausforderung erscheint es plötzlich gar nicht mehr so bedrohlich, das Problem. Schließlich lassen sich Herausforderungen managen und Lösungen finden.

Die Realität nach Schopenhauer und Wittgenstein

Im Management wie in der Politik ist oft viel entscheidender, wie etwas gesagt wird (und von wem), als was tatsächlich gesagt wird. Der Problembewusste läuft Gefahr, zum Piesepampel und Verhinderer abgestempelt zu werden (been there, done that).

Die schnelle Lösung ist durchaus beliebter. Dabei darf der Druck der Herausforderung dann auch wie ein Orden getragen werden.

Möglicherweise ist das einfach den kurzen Aufmerksamkeitsspannen vieler Führungskräfte geschuldet. Vielleicht liegt das eigentliche Übel aber auch in der allgemeinen Tabellen- und Aufzählungspunktementalität. Umfangreiche Problemanalysen fallen da unter die Kategorie too long, didn’t read und passen nicht in von permanenter Zeitnot geprägte Meetings.

Also wird die Wahrheit optimiert und die Realität — frei nach Schopenhauer — als »Wille und Vorstellung« verkauft.

Alles ist möglich. Ja, Worte können in unseren Köpfen wahre Welten erschaffen. Phantasiebegabung ersetzt jedoch leider keinen fehlenden Realitätssinn.

Denn: die Realität gewinnt immer. Selbst dann, wenn die Fakten nicht konsensfähig sind. Das spricht für ein Bild der Realität nach Wittgenstein als »alles, was der Fall ist.«

Und damit sind wir wieder beim Problem. Das bleibt nämlich ein Problem, auch wenn es im Herausforderungspelz daherkommt.

Wolf im Schafspelz – Hintergrundfoto von unsplash.com/jlcrcfx (Titelbild) Das Problem im Herausforderungspelz (Wolf im Schafspelz, Wikimedia)

Für Probleme gilt grundsätzlich:

  1. Probleme existieren weiter, selbst wenn man vor ihnen die Augen verschließt, sie ignoriert und niemand mehr über sie spricht.

  2. Die meisten unliebsamen Überraschungen sind an und für sich, also dem Wortsinn nach, gar keine Überraschungen, weil eigentlich jeder mit ihrem Eintreten immer gerechnet (oder es wenigstens befürchtet) hat, das zugrundeliegende Problem eben nur nicht angesprochen wurde und man die Augen davor verschlossen hat.

Dabei ist laut Duden so ein Problem gar nichts schlimmes, sondern einfach nur eine »schwierige [ungelöste] Aufgabe, schwer zu beantwortende Frage, komplizierte Fragestellung.«

lateinisch problema < griechisch próblēma = das Vorgelegte; die gestellte (wissenschaftliche) Aufgabe, Streitfrage, zu: probállein (Aoriststamm problē-) = vorwerfen, hinwerfen; aufwerfen

Problembewusstsein ist also etwas, das man ruhigen Gewissens pflegen kann.

Das Problem als Inspiration

Das Problem zu erkennen, von allen Seiten zu betrachten und danach genau zu verstehen versetzt einen in die Lage, Ursachen zu identifizieren und Wirkungen zuzuordnen. Die Problemanalyse schafft Klarheit, unter welchen Bedingungen ein Problem auftritt, mit welchen Auswirkungen es sich zeigt und welche Mechanismen dem entgegenwirken können. So lassen sich gezielt Lösungen finden. Effizient und effektiv.

Das ist Viel besser, als die Herausforderung zu managen und, getrieben von wildem Aufzählungspunkt-Aktionismus, auf der Suche nach Lösungen per Versuch und Irrtum hilflos in der Masse von Möglichkeiten herumzustochern.

Es lohnt sich also, das Problem beim Namen zu nennen.

Außerdem braucht man sich generell bei Problemen keine großen Sorgen zu machen. Siehe Abbildung:

Warum Sorgen machen! Es gibt nichts, was ein Diagramm nicht lösen kann…

Also, wo ist das Problem!?