Bunt und flach

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Am vergangenen Montag musste ich als langjähriger Fanboy natürlich den Live Stream der diesjährigen Apple WWDC gucken. Mit größter Spannung habe ich die Vorstellung von iOS 7 erwartet — nicht zuletzt wegen der vielen Gerüchte bereits im Vorfeld über eine Abkehr vom ebenso betagten wie texturreichen und verspielten Design vergangener Systemversionen.

Bereits vor der Veranstaltung war ich auf einen Bericht von 9to5Mac gestoßen, der zeigt, wie das neue UI wohl aussehen würde. Der hauseigene Grafiker Michael Steeber hatte auf Basis von Beschreibungen ein paar Mockups gezaubert, die mir eiskalte Schauer über den Rücken jagen sollten. Meine einzige Hoffnung war, dass entweder die Beschreibung nicht genau genug oder der Grafiker vielleicht nicht besonders gut gewesen ist. — Wie sich dann jedoch während der Live-Übertragung heraus stellte, waren die Mockups exzellent und erschreckend nah an der traurigen Wirklichkeit.

Apple iOS 7 (Titelbild) iOS 7 (Foto © Apple)

Meine erste Reaktion war … Schweigen. Meine Verblüffung war zu groß, kein mir bekannter Begriff ausdrucksstark genug, um meine Verwunderung hinreichend zu artikulieren. Einen Moment lang hatte ich noch auf eine Auflösung des vermeintlichen Scherzes gehofft. Aber das Publikum spendete bereits tosenden Beifall. — Die Wellen der Begeisterung wollten mich nicht recht erreichen.

Inzwischen, nachdem ich einige Nächte darüber geschlafen habe, sind die Emotionen schwächer geworden. Wenngleich mich die neuen Funktionen und viele der in Aussicht gestellten Neuerungen wirklich begeistern, so ist das UI und insbesondere die Gestaltung der Icons für mich immer noch nicht nachvollziehbar.

Kurz gesagt: ich finde die Icons hässlich. Für jemanden wie mich, der keine App mit einem hässlichen Icon auf seinem iPhone installiert, ist es natürlich um so schlimmer, wenn der Homescreen bereits werkseitig hässlifiziert ist.

Bei der Gestaltung der Icons ist kein einheitlicher Stil zu erkennen. Alles ist einfach bunt. Nicht wie eine Tüte Bonbons bunt, sondern anders bunt. Mehr wie ein psychedelischer Trip zu 70er-Jahre-Disco-Musik. Im Kindergarten. Die Farbverläufe wirken ein bisschen zu einfach, die Symbole wie aus Clip Art-Sammlungen geklaut oder wild zusammenhelveticalisiert. Ein dünner Kreis drum. Fertig. Alles ist flat. Alles? Nein. Das Game Center Icon zieren beispielsweise bunte Kugel, die sehr glossy und plastisch sind. Das Kamera-Symbol ist leicht in das Icon eingedrückt (und sieht auf dem Icon anders aus als an anderen stellen im UI). Einige Icons sind tiefschwarz und erscheinen wie griesgrämige Schwarze Löcher zwischen all dem Konfetti. — Die Icons erinnern insgesamt an das ungewollte Ergebnis einer flüchtigen Liebschaft zwischen Android und Symbian.

Der Beitrag iOS 7 vs. iOS 6: Icon Face-Off auf Mashable hat eine schöne Gegenüberstellung der alten und neuen Icons angefertigt. Dabei wird auch deutlich, dass nicht alles neue schlecht ist. Einige Icons sind tatsächlich Schritte in die richtige Richtung. Fotos, Facetime und Passbook, zum Beispiel. Glücklicherweise ist die Design-Community nicht in Schockstarre gefallen und zeigt, was aus dem neuen Designkonzept herauszuholen ist. Erste Optimierungsvorschläge zur Verbesserung von Ästhetik und Konsistenz schießen bei Dribbble bereits wie Pilze aus dem Boden.

Im Prinzip ist das, was bis jetzt zu sehen war, nur die erste Beta-Version der ersten wirklich umfangreichen iOS-Weiterentwicklung. Bis zum Herbst wird es weitere Betas geben. Ich habe Hoffnung, dass bis zum finalen Release noch der eine oder andere Optimierungsschritt folgt, dass stilistische Inkonsistenzen ausgebügelt werden – dass ich mich bis dahin an den Look gewöhnt habe.

Nachtrag: TNW hat noch am selben Tag die Frage Why does the design of iOS 7 look so different? beantwortet. Der Artikel erklärt einiges und lässt auch hoffen.